Frau Primel und der leise Hunger nach Nähe

Als ich Frau Primel besuche, öffnet sie mir mit einem strahlenden Lächeln die Tür.
Wir mögen uns, dass spüren wir beide. Es scheint, als hätte sie sich wirklich auf meinen Besuch gefreut.

„Ich bekomme nicht viel Besuch“, sagt sie gleich zur Begrüßung. „Alle sind beschäftigt, dass ist halt so.“ Während sie redet, gehe ich mit ihr ins Wohnzimmer. Sie erzählt, dass es letzte Woche einen Streit mit den Nachbarn gab. „Ich hab die Nase voll von diesen lauten Menschen nebenan.“ Die Stimme wird lauter, die Worte energischer. Ich setze mich an den Tisch, nachdem ich kurz gefragt habe, sie nickt.

Und dann kommt ein Seufzer: „Und dieses Wetter. Es ist viel zu warm. Diese schrecklich heißen Tage!“ Es folgt ein kleiner Redeschwall über freizügig gekleidete Frauen. „Das hat es früher nicht gegeben“, murmelt sie.

Ich merke, wie ihre Worte meine Energie ziehen.
Sie spricht ununterbrochen von allem, was sie stört. Doch dann unterbreche ich sie freundlich, aber bestimmt. Ich frage: „Frau Primel, wie geht es Ihnen wirklich?“ Damit hat sie nicht gerechnet. Sie hält inne. Der Blick wird weicher. Und plötzlich ist da keine Wut mehr, sondern Leere.
„So alleine habe ich mir das Altwerden nicht vorgestellt“, sagt sie leise.
„Manchmal rede ich bis abends kein Wort. Ich verstehe nicht, dass mich niemand besucht.“

Diese Worte treffen mich. Ich fahre später nach Hause, sitze im Auto und denke nach. Der Besuch hat mich traurig gemacht. Ihre Einsamkeit war greifbar, ihreBitterkeit fast ansteckend. Aber ich nehme mir etwas vor: Beim nächsten Mal werde ich sie ermutigen, jeden Tag drei Dinge aufzuschreiben, für die sie dankbar ist.
Vielleicht hilft es ihr, die Blickrichtung zu verändern. Vielleicht wird aus Schwere ein wenig Licht.

Denn: Wenn jeder Satz mit „Ich“ beginnt, sollten wir ehrlich über die Gewichtung nachdenken. Mehr Du, weniger Ich, dass wäre ein guter Anfang.

Jesus hat uns aufgefordert, nicht um uns selbst zu kreisen, sondern sein Licht, seine Freude und seine Liebe weiterzugeben.

„Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ 1. Thessalonicher 5,16–18

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