Der Türsummer ist deutlich zu hören.
Ich drücke kräftig an der Haustür. Das Treppenhaus ist in die Jahre gekommen.
Langsam gehe ich die Stufen hinauf und werfe Blicke auf die Wohnungstüren, denn ich weiß nicht, welche sich öffnen wird.
Dann sehe ich sie, eine Tür steht einen Spalt breit offen.
Ich klopfe und mache mich mit einem lauten „Hallo“ bemerkbar.
Langsam trete ich ein.
Die Luft ist verbraucht, überall stehen Kartons.
Dann lächelt mich eine Frau mittleren Alters an und stellt sich vor. Ich verstehe, sie ist die Alltagsbegleitung von Frau Sonnenhut. Sie erzählt mir, dass Frau Sonnenhut wegen meines Besuchs die ganze Nacht nicht geschlafen hat.
Sie hat Angst vor fremden Menschen und verlässt nie alleine das Haus. Frau Sonnenhut spricht nicht. Sie schweigt. Nicht, weil sie es nicht sprechen könnte, sondern weil sie in der Gegenwart von Fremden keine Worte findet.
Ich betrete das Wohnzimmer.
Die vielen Kartons sind gefüllt mit den Habseligkeiten von Frau Sonnenhut. Sie hat es in all den Jahren nicht geschafft, diese auszupacken.
Ihre Alltagsbegleitung erklärt mir, wie schwer es ihr fällt, den Alltag zu bewältigen und das sie ihr dabei hilft. Bei Dingen die für gesunde Menschen völlig normal sind, bedeutet es für Frau Sonnenhut eine große Herausforderung.
Frau Sonnenhut sitzt einfach da. Sie schaut aus dem Fenster und mit einer Hand streichelt sie ihre Katze.
Immer wieder versuche ich Frau Sonnenhut miteinzubeziehen. Aber sie schaut mich nicht an. Sie ist in ihrer eigenen Welt und möchte diese nicht verlassen. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen.
Das akzeptiere ich und schenke ihr eine Karte. Sie kann sie nicht aus meiner Hand nehmen daher lege ich sie auf den Tisch.
Auf der Karte steht, dass sie einzigartig und wertvoll ist, bedingungslos geliebt von Gott, der sie kennt, sieht und versteht.
Ich wünsche Frau Sonnenhut, dass sie diese Wahrheit annehmen kann.
Vielleicht klappt es nicht von heute auf morgen aber wenn sie diese Wahrheit jeden Tag in ihr Herz lässt, dann ist ihr Herz eines Tages voll mit Wahrheiten und Angst und Lügen haben keinen Platz mehr.
„Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8,32)
Ich verabschiede mich. Als ich das Wohnzimmer verlasse, spüre ich ihren Blick in meinem Rücken und drehe mich um.
Frau Sonnenhut sieht mich an, ganz kurz. Ich lächle sie an. Und sie… sie versucht es. Das sehe ich in ihren Augen.
