Eine Begegnung

Heute stehen mehrere Besuche auf meinem Plan. Auf einen freue ich mich ganz besonders.

Heute besuche ich Frau Baukel. Wir kennen uns schon lange. Sie lebt allein und hat sich nach einem schweren Sturz mühsam zurück in ihre Häuslichkeit gekämpft. Für mich ist sie eine außergewöhnlich starke Frau und eine echte Kämpferin.

Im Laufe der Jahre hat sie mir immer mehr aus ihrem Leben erzählt. Ich weiß, dass sie oft stark sein musste und viele Tiefpunkte zu ertragen hatte. Doch sie hat sich nicht unterkriegen lassen.

So stehe ich nun vor ihrer Haustür. Sie öffnet mir freudig. Als ich das Wohnzimmer betrete, merke ich sofort, dass sie mich erwartet hat. Auf dem Tisch steht eine dampfende Teekanne, neben dem dünnwandiges Teeservice wartet köstliches Gebäck.

Frau Baukel strahlt mich an und beginnt sofort, Fragen zu stellen:

„Wie geht es Ihnen?“

„Was machen die Kinder?“

Ich antworte kurz und übernehme dann selbst die Fragerei.

Wie jedes Mal, wenn wir gemeinsam Tee trinken, erzählt sie mir, dass sie darauf wartet, dass der Herrgott sie zu sich holt. Alle um sie herum seien bereits gegangen, und sie fühle sich unendlich allein.

„Meine Kinder haben ihr eigenes Leben, und das ist auch gut so“, sagt sie leise. „Aber manchmal wünsche ich mir, sie würden sich öfter melden.“

„Ich bin fast hundert Jahre alt und habe mich noch nie so einsam gefühlt. Meine Freundinnen sind alle nicht mehr hier. Das macht mich traurig.“

Tränen laufen über ihre Wangen. Als sie diese abtupft, fallen mir ihre Hände auf. Man sieht ihnen an, wie viel sie in all den Jahren gehalten, getragen und gearbeitet haben.

Wie oft mögen sie gefaltet gewesen sein, im Gebet, in der Hoffnung, dass am Ende alles gut wird, um neue Kraft zu schöpfen?

Schließlich fragt sie mich, wie ich es erwartet habe, ob Gott sie wohl vergessen habe.

Ich nehme ihre Hand und sage ruhig:

„Keinen einzigen Moment weicht Gott von Ihrer Seite. Er hat Sie nie vergessen und nie verlassen. Er, der niemals schläft, hält alles in seiner Hand. Er bestimmt, wann das Leben beginnt und wann es endet. Das hat er uns versprochen.“

Frau Baukel seufzt und lächelt mich an.

„Wenn das nur so leicht wäre“, sagt sie leise.

Sie ist eine Kämpferin aber manchmal ist der Kampf des Glaubens der schwerste von allen.

Als ich mich verabschiede, umarmt sie mich und flüstert mir ins Ohr:

„Ich will glauben.“

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