Wenn ein kleiner Junge dein Herz berührt

Wenn Kinder betroffen sind, dann trifft es mich oft besonders tief.
An diesem Tag wurde der Beratungstermin nicht von den Eltern selbst, sondern von einer Dolmetscherin vereinbart. Es ging um einen kleinen Jungen, dessen Familie aus Syrien stammte. Die Dolmetscherin wollte sicherstellen, dass alle am Gespräch teilnehmen und den Inhalt verstehen konnten.
Ich kam ein paar Minuten früher und stand bald vor dem angegebenen Mehrfamilienhaus. Doch was ich sah, machte mich stutzig: keine Haustür, keine erkennbare Klingel, es gab nur nur eine improvisierte Funkklingel. Ich drückte sie  und zweifelte ernsthaft daran, ob hier überhaupt jemand wohnt. Der Blick ins Treppenhaus war erschütternd: Geländer fehlten, Stufen waren beschädigt, das Treppenhaus wirkte wie vergessen, wie ein Ort, der nicht mehr
dazugehörte. Und doch kam kurz darauf eine junge Frau die desolate Treppe herunter. Sie lächelte freundlich und begrüßte mich herzlichst. Ich versuchte ihr mit Händen und Füßen zu erklären, dass ich auf die Dolmetscherin wartete, aber sie verstand mich nicht.
So ging ich einfach mit hinauf. Doch auch oben wurde es nicht besser, nein ganz im Gegenteil. Als ich die Wohnung betrat, war ich sprachlos. Ich wusste nicht, dass Menschen in Deutschland so wohnen müssen.
Es war eng, kaputt, dunkel und mittendrin dieser kleine süße Junge der mich mit großen Augen ansah. Er hatte es ganz offensichtlich nicht leicht.
Als die Dolmetscherin eintraf, erklärte sie mir die Lage der Familie und die Geschichte dieses Kindes. Sie erzählte mir von den vielen Schwierigkeiten, den körperlichen Herausforderungen, den kulturellen Hürden und dem Wunsch, endlich in eine Wohnung im Erdgeschoss ziehen zu können. Der Junge konnte nicht alleine gehen, und das tägliche Tragen über all diese kaputten Treppen war eine große
Belastung.
Da saß ich nun auf einem klapprigen Holzstuhl, mitten in dieser Lebensrealität. Und ich musste meine Tränen zurückhalten. In diesem Moment wurden meine eigenen
Bitten, Wünsche, Alltagsprobleme so klein. Denn hier war echte Not und unfassbare Ungerechtigkeit. Ja, Ausbeutung. Vor allem aber Sehnsucht nach Würde.
Ich sprach mit der Familie, ermutigte sie, machte ihnen Hoffnung. Wir überlegten gemeinsam, wie man eine andere Wohnung finden könnte. Und sie suchten und fanden ein paar Monate später ein schönes zu Hause.

Ein Jahr später besuchte ich sie wieder in einer hellen, intakten Wohnung im Erdgeschoss. Der Junge war größer geworden, seine Augen immer noch groß, aber sie funkelten ein wenig mehr. Die Mutter war gelöster. Es war immer noch kein leichtes Leben aber es war besser geworden. Und ich wusste: Das war mehr als ein Beratungsgespräch. Das war ein Moment, in dem Gott mitten im Alltag
aufleuchtete.

„Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind.“ – Psalm 34,19

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