Es wird ihr letztes Weihnachtsfest werden, das steht fest. Wir sind alle noch geschockt von der Diagnose aber ihr Wunsch ist es nach Hause zu können. Einfach abends auf dem Sofa liegen, Fernsehen gucken und zu Hause sein, inmitten des Alltagstrubels, erklärt eine freundliche Männerstimme am Telefon.
Ich kann ihn verstehen aber erkläre ihm, dass ich im Team fragen muss, ob wir das pflegerisch leisten können denn den letzten Weg mitzubegleiten erfordert viel Zeit und besondere Kenntnisse.
Wir nehmen nicht einfach jeden Patienten an, sondern wir möchten allem gerecht werden und daher besprechen wir im Team ob und ab wann ein neuer Patient reinpasst.
Hier waren sich alle sofort einig, Frau Dahlie möchten wir gerne ermöglichen nach Hause zu kommen.
Eine Woche später…
Gesagt getan, ab heute ist sie jeden Morgen und Abend anzufahren.Frau Dahlie ist eine nette Frau, viel zu jung, um sich auf den Weg der letzten Reise zu machen.
Unsere Aufgabe ist es sie gut zu versorgen, ihr die kleinen Wünsche des Alltags zu erfüllen und ihr das Ableben schmerzfrei und ruhig zu gestalten. Sie erzählt uns genau wie sie es sich vorstellt, zu Hause im Kreis ihrer Liebsten. Sie ist tapfer, freut sich zu Hause zu sein und das freut uns auch.
Egal wann wir zu Frau Dahlie kommen, sie hat immer Besuch. Ihre engsten Freundinnen wechseln sich ab, lenken sie ab, helfen ihr vielleicht nicht nachdenken zu müssen und stehen ihr stets zu Seite.
Es fällt auf, dass sie nie alleine ist.
In der Teambesprechung sprechen wir über Frau Dahlie und fragen uns wie wir mit den verschiedenen Herausforderungen umgehen sollen. Manches ist schwer zu verstehen und auszuhalten für die Kollegen, aber es geht hier nicht um uns und unsere Bedürfnisse, sondern darum es Frau Dahlie so angenehm wie möglich zu machen und so einigen wir uns darauf, einfach mitzumachen und Frau Dahlie zu unterstützen in allem, was sie braucht. Und sollte sie das Bedürfnis haben zu sprechen, zu fragen, zu weinen so werden wir da sein, ihre Hand halten und zuhören.
Es ist ein schweres Schicksal und es ist nicht fair und dennoch ist es Realität und wir dürfen ihr zur Seite stehen.
Wochen später hat sich die Situation gedreht. Frau Dahlie stellt Fragen, lässt ihren Tränen freien Lauf und sieht ihrem Schicksal ins Gesicht.
Sie möchte ein Spaghettieis, natürlich bekommt sie ein Spaghettieis.
Sie hat morgens keine Lust zu duschen, dann lassen wir es ausfallen.
Sie möchte sich auf dem Balkon in die Sonne setzen auch das ermöglichen wir.
Das ist unsere oberste Priorität, ihr die letzten Wünsche zu erfüllen.
Ihre Familie steht ihr zur Seite, lernt viel zum Thema Pflege ist aber an einigen Stellen überfordert. Auch die Angehörigen haben wir im Blick. Wie unterschiedlich die einzelnen mit der Situation der Mutter, Freundin, Schwester, Nachbarin und Ehefrau umgehen so unterschiedlich müssen wir sie abholen und zur Seite stehen.
„Den Toilettenstuhl kann ich nicht leeren…das schaffe ich nicht“
Mit Tränen in den Augen berichtet uns Willy, ihr Sohn wo seine Grenzen sind und wir bestärken ihn und sagen das es völlig okay sei. Willy beruhigt sich schnell und fügt schnell hinzu „ich lese ihr gerne vor, soviel sie will aber alles was mit Toilette zu tun hat kann ich nicht.“
Jesus fordert nichts von uns ohne uns die Kraft dafür zu geben. Er hat alles im Blick und er macht keinen Fehler.
Auch wenn wir nicht verstehen können, warum manches passiert, so dürfen wir vertrauen.
In der Bibel steht nicht, dass wir Gott verstehen sollen, aber wir dürfen ihm vertrauen. Das ist eine Entscheidung.
Das tröstet mich und uns in diesen herausfordernden Situationen.
Gott vertrauen und loslassen aber Gott lassen.
